• K. Werner

"Das fliegende Klassenzimmer" oder wieso Klassiker nie out sind

"Das fliegende Klassenzimmer" ist ein Klassiker von Erich Kästner. Kann man eine Geschichte, die von einem Bubeninternat in Deutschland handelt und aus dem Jahr 1933 stammt, heute noch als Klassenlektüre lesen? Eine mögliche Antwort liefere ich in diesem Blogbeitrag.

Das Schuljahr 2020 war besonders im Frühjahr und Sommer durch die Corona-Krise gekennzeichnet. Zwei Wochen vor Ostern wurden die Schulen in Österreich für den Regelbetrieb geschlossen und erst im Mai wieder geöffnet. Für viele Kinder entstand eine Bildungskrise - hat man weder Notebook noch eigenen Schreibtisch und ruhige Lernumgebung zuhause wird Lernen quasi unmöglich. Eltern mussten die Motivationsaufgabe, die Lehrkräfte jeden Tag vollbringen übernehmen. Oft waren es Frauen, die neben Haushalt und Homeschooling auch noch Homeoffice machen sollten. Als die Schulen wieder für einen "normaleren" Betrieb öffneten wollte ich mit meinen Kindern der zweiten Klasse noch eine Klassenlektüre lesen. Unwissend (da selbst noch nicht gelesen) wählte ich "Das fliegende Klassenzimmer" von Erich Kästner aus. Das Buch stammt aus dem Jahr 1933 und erzählt von einer Burschengruppe eines Internats, die ein Theaterstück zu Weihnachten aufführen möchten und von ihren Abenteuern, aber auch von ihren Problemen rund um diese Zeit.


Als meine erfahrenen Kolleg*innen das hörten kam mir gleich ein: "Zu schwierig für unsere Kinder." oder "Nicht mehr zeitgemäß." entgegengeschlagen. Ich dachte: Versuchen können wir es trotzdem und ich las das Buch fast vollständig mit meinen Kindern gemeinsam im Deutschunterricht. Ja, manche Dinge sind nicht mehr zeitgemäß - z.B. dass nur Burschen vorkommen. Für eine geschlechterreine Klasse super. Für gemischte Klassen schwieriger, da den Mädchen eine Figur fehlt, mit der sie sich identifizieren können. Auch Internate sind heute seltener als damals und die Sprache ist mit ihren antiquierten Begriffen für die Kinder herausfordernd. Aber ich bin fest überzeugt, dass die Kinder mit der Herausforderung gewachsen sind. Im Grunde ist es wie die Lektüre der ersten englischsprachigen Bücher für mich...man versteht nicht jedes Wort, aber der Sinn ergibt sich. Wir haben uns in diesem Zusammenhang angesehen, wie Schule noch im 19. Jahrhundert funktioniert hat und uns dann damit auseinandergesetzt wie Schule heute läuft. Erschreckend: Es gibt noch immer viele negative Parallelen. Gleichzeitig haben wir uns damit auseinandergesetzt, wie die Schule der Zukunft aussehen soll und das war mega spannend und aktueller denn je, denn die Coronakrise hat uns gezeigt, dass Schule so wie sie bisher funktioniert hat, keinen Platz mehr im 21. Jahrhundert hat und auch den Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen ist. Wir hatten eine lebendige Diskussion und das sind die Momente, in denen die Kinder wirklich etwas mitnehmen. Jene Momente in denen Bildung stattfindet.


Auch viele Probleme der Kinder, die sie heute haben, werden im "Fliegenden Klassenzimmer" angesprochen. Es wirft die Frage auf, ob Gewalt eine Lösung für Konflikte ist. Wie Kinder damit umgehen, wenn sich ihre Eltern getrennt haben, oder wenn nicht genug Geld da ist um auf die Projekttage mitzufahren.


"Das fliegende Klassenzimmer" mag in manchen Punkten (vor allem sprachlich) wirklich nicht mehr dem 21. Jahrhundert entsprechen, viele darin angerissene Themen tun es allerdings sehr wohl. Dadurch zeichnen sich auch Klassiker aus. Das ist der Grund wieso Romeo und Julia noch genauso aktuell ist wie zu dem Zeitpunkt als Shakespeare es verfasst hat. Einzig als Zeitpunkt für die Lektüre würde ich nicht den Hochsommer empfehlen. "Das fliegende Klassenzimmer" ist eine Wintergeschichte und daher liest man sie am besten auch im November mit Blick auf Weihnachten und die Weihnachtsferien. Last but not least kommt es bei einer Klassenlektüre immer auch darauf an, was der Lehrer oder die Lehrerin daraus macht. Ob es cool wird oder nicht. Und gerade hier ist "Das fliegende Klassenzimmer" noch immer brandaktuell, denn es erzählt von einem Lehrer, dem seine Schüler sehr wichtig sind, und genau diesen Enthusiasmus braucht Schule heute genauso wie vor 100 Jahren.

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