• K. Werner

Sommernachlese #1 - Elena Ferrante Neapel No. 3

Der Urlaub im Süden scheint schon wieder eine Ewigkeit her zu sein. Ich vermisse es unter dem Feigenbaum am Pool zu liegen oder unter einer der Pinien am Strand. Mit dabei natürlich mehrere Bücher. Bessere und schlechtere. Von letzterem habe ich bereits erzählt. Von einem der guten Bücher möchte ich hier schreiben.

Der dritte Teil "Die Geschichte der getrennten Wege" der vierteiligen Neapel-Reihe von Elena Ferrante ist für mich der politischste bisher. In diesem dritten Teil, in dem es um die Mittzwanziger bis Mittdreißiger der Protagnosten Lila und Lenu geht, wird nicht nur oberflächlich über politische Gegensätze zwischen Faschisten, Kommunisten, Christdemokraten und der Mafia, oder die 68er Bewegung gesprochen. Es geht ans Eingemachte. Vor allem die Fragen: Wer bin ich als Frau? Welche Vorstellung von meinem Leben habe ich? Ist es in Ordnung, wie man mit mir umgeht? Kann ich die Vorstellungen, die ich von mir und einem glücklichen Leben habe in dieser Gesellschaft auch realisieren? Gelingt es mir ein gelungenes, glückliches Leben zu führen, oder lebe ich an mir selbst vorbei? Wie kann ich dazu beitragen, dass auch die anderen Menschen in meiner Gesellschaft ein solch gelungenes Leben führen können? Zahlt es sich aus sich für "die anderen" einzusetzen?


Lenu befindet sich in einer Schreibkrise. Ihr erster Roman war sehr erfolgreich. Beschert ihr aber zuhause in Neapel, im Rione, den ruf einer unsittlichen Schriftstellerin. In ihrer blinden Verehrung für Nino flüchtet sie sich in die politische Aktion, in das politische Schreiben. Lila steht derweil am Abrgund. Körperlich. Finanziell. Alles scheint verwoben zu sein mit den Machenschaften der lokalen Mafia, symbolisiert durch die Solaras. Sie prangert die schlechten Bedingungen der Arbeiter*innen in der Fabrik an. Auch Frauen sind in dieser Fleischfabrik nicht mehr als eben ein Stück Fleisch. Gegen diesen Widerstand macht die Mafia natürlich mobil. Sowas ist schlecht fürs Geschäft. Lenu kümmert sich um Lila, die mit Enzo und ihrem Sohn zusammenlebt. Lilas und Enzos Weg führen zurück in den Rione, durch Lenus Beziehungen bekommen beide jedoch einen Job im langsam aufsteigenden IT-Bereich. Die Wende scheint geschafft.


Lenu treibt. Sie heiratet und versucht weiter zu schreiben. Doch es kommen die Kinder dazwischen. Zuerst das erste, dann das zweite. Und auch diese sture Vergötterung von Nino Sarratore scheint sie gefangen zu halten. Etwas Ordentliches schaut nicht heraus aus ihrem literarischen Wirken. Lenu scheint ihren Platz verloren zu haben. Ihren Weg. Genau das ist es, womit ich mich selbst in diesem Buch so sehr identifizieren konnte. Sie entspricht keinem gelernten oder akzeptierten Frauenbild. Kritisiert in ihren Schriften das Rollenverständnis und macht sich selbst aber gleichzeitig zur Abhängigen von ihrem Mann oder ihrem Liebhaber. Beim Lesen haben sich so Abscheu und Faszination abgewechselt. Im Hinterkopf immer die Frage, ob der Weg, den ich selbst eingeschlagen habe, der richtige für mich sei.


Wie Lenus Weg weitergeht bleibt am Ende des dritten Bandes "Die Geschichte der getrennten Wege" von Elena Ferrantes Erzählung offen. Es bleibt offen ob sie wirklich glücklich werden wird, oder ob der große Fall noch kommt. Es bleibt auch offen, wie es mit Lila weitergehen wird, die nun für Michele Solara arbeitet, der von ihr besessen ist. Wer hier von wem abhängig ist und wer hier wen ausnutzt. Schließlich bleibt auch offen, wer Gigliola ermordet hat, mit deren Tod das Buch eigentlich eröffnet wird. Es bleibt also spannend und ich freue mich schon aufs Lesen von Band vier "Die Geschichte des verlorenen Kindes".


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