• K. Werner

"Generation Haram" - Eine Abrechnung mit dem österreichischen Bildungssystem

Die Krux mit der Bildung in Österreich. Vor allem der Bildung für jene Teile der Bevölkerung, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Bildung wird in Österreich vererbt. Melisa Erkurt zeigt in "Generation Haram" schonungslos, was das für die betroffenen Kinder in unserem Land bedeutet.

Bildung ist mir wichtig. Bildung war mir schon immer wichtig. Weil meine Eltern mir vermittelt haben, dass sie wichtig ist. Darum. Sie haben mir vermittelt, dass man mit guter Bildung alles werden kann, was man möchte. Dass man überall leben kann wo man möchte. Bildung ist Freiheit. Stimmt diese Erzählung, dieses Narrativ? Jein.


Melisa Erkurt schreibt in ihrem Buch über Bildung in Österreich und wie Menschen davon kategorisch ausgeschlossen werden. Nämlich vor allem jene Menschen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Kein Buch hat mich in letzter Zeit so sehr bewegt wie dieses. Vielen Menschen geht es gleich und das ist gut so, weil Bildung endlich wiedereinmal Thema ist. Ein Thema, mit dem man bei Wahlen keine berauschenden Prozente gewinnt (leider), weil es wenigen Menschen Angst macht (dazu eignet sich die Ausländerhetze viel besser), sondern ganz im Gegenteil: Weil Bildung hilft sich nicht hinters Licht führen zu lassen.


Gleich vorweg: In vielen Dingen stimme ich mit Melisa Erkurt überein. Ihre Geschichte erinnert mich sehr an die einer lieben Schul- und späteren Studienkollegin von mir. Ich bin auf jeden Fall auf einer Wellenlänge mit ihr, wenn es darum geht, dass es mehr Vorbilder braucht - gerade eben habe ich die große Ehre mit einer Kollegin zusammenzuarbeiten, die rumänische Wurzeln hat, was ein unheimlicher Gewinn für die Kinder ist, die Rumänisch als Erstsprache haben. Diese Vorbilder sind leider viel zu selten. Eine Frage, die für mich offen bleibt, und die Melisa Erkurt auch offen lässt, ist jedoch, wie wir diese Vorbilder in unsere Schulen bringen können... Auf jeden Fall stimme ich auch darin überein, dass wir eine bessere Durchmischung der Kinder (von Bobo-Eltern und Zuwanderer-Eltern, wie Melisa Erkurt sie bezeichnet) und eine Aufwertung der Primärpädagogik benötigen, sowie eine Aufwertung des Lehrerjobs in Österreich generell - die liebste Freizeitbeschäftigung des Österreichers ist es ja über diese Berufsgruppe zu schimpfen. Man muss den "Kindergarten" endlich als Bildungseinrichtung wahrnehmen. Ein zweites oder sogar drittes Kindergartenjahr schadet den Kindern in keinem Fall - weder sozial noch sprachlich. Kinder in diesem Alter stehen mitten in der Sprachentwicklung. Dort ist sie auch beeinflussbar, wie ich selbst an einem Kind mit syrischen Wurzeln in der Krabbelgruppe meiner Tochter (ich bin eine Bobo-Mama) sehen konnte: Am ersten Tag der Krabbelgruppe kam kein einziges Deutsches Wort aus ihm heraus. Ein Jahr später - der Bub war nun ca. dreieinhalb bis vier Jahre alt: Er unterhält sich fließend in dieser Zweitsprache mit der Kindergartenpädagogin. Und ja, wir brauchen in allen Bereichen vor allem in den sog. Schulen mit besonderen Herausforderungen mehr Ressourcen (kleinere Lerngruppen, Sozialarbeiter, Psychologen, Ärzte...). Aber ich stimme nicht in allem mit Frau Erkurt überein. Z.B. wenn es um die in ihren Augen rassistischen Lehrer*innen geht, die die Herkunft der Kinder thematisieren. Vielleicht, weil ich auch eine solche Lehrerin bin. Ich spreche mit den Kindern darüber, dass sie eine andere Erstsprache haben. Versuche sie anzuregen darüber nachzudenken, wie die Regeln ihrer Erstsprache mit denen ihrer Zweitsprache Deutsch zusammenhängen. Ob es Redewendungen gibt, die es auch im Deutschen gibt etc. Ich versuche dabei wertschätzend mit den Kindern umzugehen. Ich finde das besser als dieses Faktum totzuschweigen. Ob eine verpflichtende Ganztagsschule die Lösung ist bezweifle ich - einfach aus meiner Erfahrung der letzten beiden Jahre heraus in der ich als Lehrerin an einer Ganztagsschule tätig sein durfte. Eine ganztägige Betreuungsmöglichkeit für die Kinder ist definitiv begrüßenswert und in vielen anderen Ländern die Regel (z.B. Frankreich). Dennoch glaube ich nicht, dass die meist verschulte Form dieser Betreuung die richtige ist. Es braucht hier viel mehr Entfaltungspotential für die Kinder. Beschäftigung mit Dingen, die sie interessieren und die auch einmal nicht benotet werden. So dass Kinder sie einfach aus Freude daran machen können. Eine Schule in der nicht alle alles machen müssen, sondern in der die Kinder ihre jeweils individuellen Talente entfalten können. Das braucht viel mehr offene Lernzeiten und Freizeiten. Viel mehr Platz für Bewegung und Entfaltung (vor allem im Freien). Ich leide immer mit unseren Schüler*innen mit, die genau in der Stunde ihre Lernaufgaben machen müssen, die wir ihnen vorgeben. Da herrscht einfach zuviel Zwang. Wir brauchen daher genau das Gegenteil: Mehr Freiheit. Viele Probleme, die Melisa Erkurt anspricht, sind in meinen Augen auch nicht unbedingt auf den Migrationshintergrund zurückzuführen, sondern sind viel tiefer verwurzelt, nämlich im antifeministischen, patriarchalen Gesellschaftssystem Österreichs, das sich leider durch die Corona-Krise erneut verfestigt hat. Die gläserne Decke spürt sie in ihrer Karriere glaube ich mehr, weil sie eine Frau ist als wegen ihres Migrationshintergrundes. Hier dürfen wir Frauen uns auch nicht auseinanderdividieren lassen, sondern müssen egal welcher Herkunft wir sind zusammenhalten.


Melisa Erkurt meint auch, dass die Erzählung davon, dass Bildung zu einem selbstbestimmten Leben führt, ein Märchen sei. Das möchte ich entschieden zurückweisen. Was, wenn nicht Bildung kann den Menschen dazu befähigen aus den Zwängen seines sozioökonomischen Umfeldes auszubrechen? Ich kenne nichts - außer einen Lottosechser, der das schaffen könnte.


Bildung macht frei. Aber Bildung kann nur dann frei machen, wenn sie selbst frei ist. Frei von dem Zuviel an staatlichen Zwängen. Frei um Luft zu machen für die Talente der Kinder - egal welche Erstsprache sie sprechen oder welcher Religion sie angehören. Und ja: Dazu wird es auch das Bemühen der Bobo-Eltern und Bobo-Lehrer*innen wie mich brauchen, denn seien wir mal ehrlich: Die herrschenden Parteien - allen voran die ÖVP unter deren Scheffel sich die Koalitionspartei gestellt hat - werden das System, das die Menschen zu ihren Gunsten dumm hält, nicht ändern wollen. Langer Rede kurzer Sinn: Mach dir selbst ein Bild von unserem Bildungssystem. Lies "Generation Haram" und sprich darüber, was es in dir bewegt! Setz dich dafür ein, dass auch die Verlierer eine Stimme bekommen. Machen wir Schluss damit ein Viertel unserer Schüler*innen zu diskriminieren, sondern machen wir sie zu einem starken Teil unserer Gesellschaft, der einfach dazugehört. Seien wir endlich stolz darauf vielfältig zu sein!

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