• K. Werner

Laetitia Colombani: "Der Zopf"

Drei Frauenleben am Scheideweg. Schaffen sie es ihr Leben zu verändern, oder geben sie sich den Umständen gegenüber geschlagen?

Haare. Lange Haare. Überhaupt Haare auf dem Kopf haben. Wie sehr es das Selbstwertgefühl einer Frau beeiträchtigen kann keine Haare mehr zu haben, habe ich bei meiner Großmutter und meiner Mutter erlebt. Meiner Großmutter fielen die Haare von einem Tag auf den anderen aus - die Ursache blieb ungewiss. Psyche? Die Medikamente? Bei meiner Mama war es die Chemotherapie, durch die ihre Haare ausfielen. Beide bekamen Perücken. Hatten sie sie auf konnte man gar nicht so leicht erkennen, dass es nicht ihre eigenen Haare waren. Es waren Kunstwerke. Woher die Haare für die Perücke kamen - keine Ahnung. Es war auch nicht wichtig. Hauptsache die Perücke half.


"Der Zopf" beginnt in Inidien mit der Geschichte von Smita. Smita ist eine Unberührbare. Sie muss jeden Tag von Haus zu Haus gehen und die Latrinen anderer Menschen mit ihren bloßen Händen leeren. Ihre Tochter Lalita ist sechs Jahre alt und Smita hat einen Traum für sie: Lalita soll zur Schule gehen und dort lesen und schreiben lernen. Sie soll dem Schicksal entgehen so zu enden wie ihre Mutter.


Der zweite Strang der Geschichte beginnt in Italien. Auf Sizilien. In Palermo. Giulia ist Arbeiterin in einer Haaraufbereitungsfirma, die in zweiter Generation ihrem Vater gehört. Ihr Leben, das von der Routine in der Firma geprägt ist, nimmt eine Wende als ihr Vater mit dem Moped verunglückt und ins Koma fällt. Die Verantwortung für das Unternehmen lastet plötzlich auf ihren Schultern. Nach einem Stoßgebet gen Himmel lernt sie zufällig Kamal kennen, einen Sikh, der in seiner Heimat verfolgt und nach Europa geflohen ist.


Um einen Zopf zu flechten braucht es drei Teile. Der dritte Teil ist die Geschichte von Sarah und spielt in Montreal, Kanada. Sie ist eine echte Powerfrau. Sie definiert ihr Leben über ihr berufliches Weiterkommen als Anwältin. Zu ihrem Privatleben baut sie eine Mauer auf. Sie mauert alle beruflichen Nachteile, die es für eine Frau mit sich bringt, wenn sie Familie hat, ein. Jede Minute ihres Tages ist getaktet. Bis die erfolgreiche Anwältin eines Tages im Gerichtssaal einfach umkippt. Diagnose: Brustkrebs.


Laetitia Colombani flechtet diese drei Erzählstrenge geschickt zu einem Zopf. Wie diese drei Frauen, die auf unterschiedlichen Kontinenten leben zusammenhängen, wird bald klar. Trotzdem bleibt das Buch bis zum Ende hin in seinem Bann. Jede der drei Geschichten rührt tief in mir.


Die Sprache ist leicht verständlich und der Stil erinnert mich etwas an Paolo Coelho, den ich vor vielen Jahren - damals war ich noch ein Teenager - gelesen habe. Was mich besonders anspricht ist, dass die Frauen jede für sich und auf ihre Weise ihr Leben selbst in die Hand nehmen und die Botschaft wird klar: Wenn du etwas in deinem Leben verändern möchtest musst du es selbst in die Hand nehmen.


Eine zweite Botschaft, für die ich Laetitia Colombani sehr dankbar bin, ist die Frage danach, was in unserem Leben eigentlich wichtig ist. Durch "Der Zopf" bin ich auf das japanische Konzept von "ikigai" getroffen. Davon in einem anderen Beitrag aber mehr. Alles in allem war "Der Zopf" von Laetitia Colombani ein sehr bereicherndes Buch für mich, dem ich viele weitere Leser*innen wünsche.




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